Besuche in Guatemala

 

Mein Name ist Johanna und ich bin Studentin der Psychologie in Freiburg. Anfang des Jahres

2016 hatte ich das Glück, ein achtwöchiges Praktikum in Guatemala Stadt bei „Refugio de la

Niñez" im Haus „Amor sin Fronteras" absolvieren zu können. 

Das Refugio engagiert sich grundsätzlich in vielen verschiedenen Bereichen. Amor Sin Fronteras

nimmt Mädchen auf, welche von Menschenhandel und sexuellem Missbrauch betroffen waren.

Zu dem Zeitpunkt, als ich dort war, wohnten um die 20 Mädchen zwischen 11 und 17 Jahren in

dieser Unterkunft. Während sie bei ihrem gerichtlichen Prozess vertreten werden, erhalten die

Mädchen Unterricht, werden im Haus mit allem Notwendigen versorgt und erlernen

verschiedene Handarbeiten, sportliche oder tänzerische Aktivitäten und Haushaltsfertigkeiten.

Das Haus ist rund um die Uhr bewacht und mit Kameras ausgestattet, um die Mädchen zu

beschützen. Außerdem ist stets eine Pädagogin bei ihnen.

Die Mädchen wohnen zu mehreren zusammen und teilen sich die Koch- und Putzaufgaben.

Bestimmte Werte (z.B. Ehrlichkeit, Zuverlässigkeit, Höflichkeit) werden ihnen beigebracht und

gemeinsam gelebt. Alle sind aufgrund einer ähnlichen Problematik dort, sodass dieses Modell sie

dabei unterstützen soll, sich auch gegenseitig zu helfen und füreinander da zu sein. 

Während sie im Haus wohnen, wird ihr Prozess multidisziplinär begleitet. Eine Sozialarbeiterin

ist für den Austausch mit den Familien zuständig, die häufig auch psychosoziale Unterstützung

benötigen. Wenn die Eltern nicht in die Straftaten verwickelt waren, wird eine Reintegration der

Mädchen in ihre Ursprungsfamilie angestrebt. Falls dies nicht möglich ist, untersucht die

Sozialarbeiterin den Umkreis und prüft, ob eine große Schwester, Tante, Oma oder Freundin der

Familie sich den Mädchen annehmen kann und möchte. Ich erlebte es als schmerzhaft für die

Mädchen, wenn das nicht möglich war, da sie nicht für unbegrenzte Zeit im Refugio bleiben

können und dann in ein anderes Heim müssen. Außerdem spielt Familie in Guatemala eine große

Rolle und nahezu jede Betroffene möchte gerne zu ihrer zurück. 

Ich wurde von den Mädchen aber auch den Mitarbeitern des Refugio herzlich und mit offenen

Armen empfangen und unterstützte die Psychologin bei ihren Aufgaben. Hierzu gehören u.a.

Anamneseverfahren, Berichte für das Refugio und das Gericht, Gruppensitzungen mit den

Mädchen und Einzelgespräche. Für einen kreativen Ausgleich hatte ich Acrylfarben aus

Deutschland mitgebracht und wir malten zusammen. An anderen Tagen brachten einige

Mädchen mir bei, Armbänder zu knüpfen. Es entstanden helle und schöne Momente, aber auch

schwierige Gespräche über manche grundlegenden Themen. Die Geschichten der Mädchen sind

sehr unterschiedlich, fast immer wurden sie Opfer unfassbarer Straftaten. Das Refugio versucht

die Mädchen aufzufangen und sie für die Zukunft zu stärken. Opfer sind hier Überlebende.  

 

 

 

 

 


Mitte Januar 2016 besuchte Heribert Scharrenbroich das „Refugio de la Ninez“ und
„La Alianza“ in Guatemala. Seine Beobachtungen hat Casa Alianza Kinderhilfe
Guatemala e.V. zusammengefasst:

„Casa Alianza Kinderhilfe Guatemala e.V. kann stolz sein, diese beiden
Partner in Guatemala zu haben“.
(Heribert Scharrenbroich)

 

Bei beiden Organisationen lobt Heribert Scharrenbroich die hoch professionell arbeitenden
Teams. Es gibt Rechtsanwälte, Psychiater, Verwaltungsfachleute und Sozialarbeiter. Sowohl
Leonel Dubon (Refugio de la Ninez) als auch Carolina Escobar (La Alianza) seien
kompetente Führungskräfte, die nicht nur für ihre Teams, sondern auch für die (politische)
Außenwelt. Beide haben auch eine starke Ausstrahlung auf die jungen Leute in den
Einrichtungen. Die gegenseitige Wertschätzung nennt Scharrenbroich beeindruckend.


Die Leitung beider Einrichtungen kennt und versteht sich persönlich recht gut. In der
politischen Problembewertung herrscht Einigkeit, auch wenn es keine direkte
Zusammenarbeit gibt. Dabei sind die Ziele beider Organisationen eigentlich identisch. Beide
bieten missbrauchten Jugendlichen, meist Mädchen und junge Frauen, praktischen Schutz vor
weiterer sexueller Gewalt und organisiertem Menschenhandel. Beide haben Wohnraum, der
eine sichere Zuflucht darstellt. Über diesen direkten, praktischen Schutz hinaus arbeiten
„Refugio“ und „La Alianza“ an der Verbesserung der Gesetzeslage zum Schutz vor
Missbrauch und Menschenhandel. Dies erfordert insbesondere die Überwindung der
Straflosigkeit, die in Guatemala fast durchgängig anzutreffen ist, besonders aber die
juristische Ahndung von sexuellem Missbrauch betrifft. Oftmals werden die Verbrechen von
Familienmitgliedern begangen. Hilfe für die angegriffenen Jugendlichen bieten Psychologen,
um Traumata zu heilen. Und schließlich arbeiten beide Organisationen auf dem schwierigen
Feld der Wiedereingliederung in die Familien, wo dies möglich erscheint. Das bedeutet
Familientherapie mit nachhaltiger Betreuung und Supervision. „Refugio“ unterhält dafür in 6
der 22 Departamentos Außenstellen mit insgesamt 60 Mitarbeitern. „La Alianza“ schickt
hierzu Mitarbeiter aus der Hauptstadt in die ländlichen Regionen.


Gemeinsam mit anderen Nichtregierungs-Organisationen arbeiten beide an der Beeinflussung
der Gesetzgebung und Verbesserung der Gesetzesanwendung. Ergebnisse dieser
Netzwerkarbeit sind z.B. der Beschluss des Gesetzes „Contra la Violencia Sexual,
Explotacion y Trata de Personas“ (SVET) (= Gegen sexuelle Gewalt, Ausbeutung und
Menschenhandel) sowie der Beschluss des Gesetzes PINA (Proteccion Integral para Ninos y
Adolescentes) (=Umfassender Schutz von Kindern und Jugendlichen).


Unseren beiden Organisationen ist öffentliche Aufklärung und Schulung wichtig. Seit Jahren
schulen sie z.B. Polizisten, um sie für die Probleme zu sensibilisieren. Carolina Escobar
bezifferte die von La Alianza geschulten Polizisten auf etwa 3000, Leonel Dubon wusste von
der Schulung von 1000 Angestellten in den kommunalen Jugendämtern zu berichten.


Die Erfolge vor Gericht sind unterschiedlich (Stand Januar 2016). La Alianza hat in den
letzten 3 Jahren 23 Gerichtsverfahren mit 22 Verurteilungen und einem Freispruch
abgeschlossen. Refugio erwirkte in den letzten 4 Jahren 180 Verurteilungen mit mindestens
13 Jahren Haft. Leonel beklagte aber, dass die Erfolge im letzten Jahr abnahmen –
Straflosigkeit ist in Guatemala ein sehr großes Problem. Da Leonel auch Anklagen gegen
Verwandte von Prominenten erwirkte, erhielt er Drohungen, so dass der Interamerikanische
Gerichtshof die guatemaltekische Regierung gezwungen hat, Leonel Personenschutz zu
geben.
Beide Organisationen haben einen erheblichen bürokratischen Aufwand zu betreiben. Akten
und Dokumentationen müssen sorgfältig gepflegt werden, da mehrere Behörden
unangemeldete Kontrollbesuche machen: CNA (Consejo Nacional de Adopciones) (=
Nationale Adoptionsbehörde) zu Verhinderung unerlaubter Adoptionen, SVET (Sekretariat
gegen sexuelle Gewalt, Ausbeutung sowie Menschenhandel) und PDH (Procuradia Derechos
Humanos) (=Menschenrechtsbüro).


La Alianza (Jahresbudget 1,15 Millionen US-Dollar) ist die guatemaltekische Niederlassung
der amerikanischen Organisation „Covenant House“ mit Sitz in New York. Refugio de la
Ninez ist eine rein guatemaltekische Organisation mit einem Jahresetat von 1,5 Millionen USDollar.
Mehre Hilfsorganisationen tragen das Budget. Neben Casa Alianza Kinderhilfe
Guatemala e.V. wirken auch Plan International und UNICEF mit.


Heribert Scharrenbroich ist ein ausgewiesener Lateinamerikaexperte. Er war Staatssekretär im
Bundesministerium für Jugend und Familie, als Angela Merkel dort Ministerin war und die
Schirmherrschaft über die gerade gegründete Casa Alianza Kinderhilfe Guatemala e.V.
übernahm. Scharrenbroichs Tätigkeiten als Untergeneraldirektor der ILO(International Labor
Organisation) in Genf, Mitglied des Auswärtigen Ausschusses des Deutschen Bundestages,
Vorsitzender von Care Deutschland und Stellvertretender Vorsitzender von „Aktion
Deutschland Hilft“ belegen die Vielfalt seines Engagement. Scharrenbroich ist seit 1994
Mitglied von Casa Alianza.